Mit langem Atem


VON ULRIKE GLAGE

Gernot Kurtz hat alle seine Läufe in einem Ordner feinsäuberlich dokumentiert. Ein ziemlich dicker Ordner: 41 Jahre Laufgeschichte stecken darin. 150 318 Kilometer, fünf Kontinente, 1 950 Wettkämpfe, davon 400 über die Marathon- und Ultradistanz – beeindruckende Bilanz eines 72-Jährigen, der sich selbst als ein bisschen laufverrückt bezeichnet. Mit 31 Jahren packte ihn das Marathonfieber. Und dann lief und lief und lief er. Immer mit Spaß, wie er betont, auch wenn's manchmal weh tat. Jetzt hört er auf, aber nur mit der Langstrecke: Der Hannovermarathon am 9. April war sein letzter Lauf über 42,195 Kilometer.

Hinter den Zahlen und Tabellen im Ordner des Reutlingers stecken unzählige Geschichten und Erlebnisse. »Ich könnte ein Buch schreiben«, lacht er. Anfangen würde es mit dem 90-Kilo-Mann Gernot Kurtz, dem »geborenen Antiläufer«, wie er sagt. Kein Wunder. Mit dem Rauchen hatte er gerade aufgehört, deshalb kräftig zugenommen. Dazu kamen Bluthochdruck und Kurzatmigkeit. »Ich hab' geschnauft wie ein alter Gaul.«

»Ich hab' mir gedacht, was muss ich mich quälen, das soll doch Spaß machen«


Das war 1976. Just da wurde die »Trimm-Trab-Bewegung« mit dem Slogan »Laufen ohne zu schnaufen« modern. Die kam Kurtz gerade recht. »Jetzt oder nie hab' ich gedacht.« Ziemlich »verschüchtert« ging er das erste Mal zum vom SSV Reutlingen organisierten Treff am Naturtheater-Parkplatz. Blutige Anfänger wie er kreuzten zu seiner Beruhigung auf. Und gewiefte Marathoncracks, die so ganz nebenbei von ihrem 100-Kilometer-Lauf in Biel erzählten. »Ich hab' gedacht, ich hör nicht recht.«

Hören und sehen verging ihm auch (fast) bei seinem ersten Lauf: Sechs Kilometer und gleich zwei ordentliche Steigungen durch den Wasenwald. Immerhin gab es Gehpausen. Kurtz hielt durch. Kam zwei Mal die Woche, später sogar drei Mal. Dann ging er von der Sechs-Kilometer- auf die Neun-Kilometer-Runde. Und das tat richtig weh. »Ich war nahe dran, aufzuhören.« Die anderen spurteten locker-leicht die Berge rauf, er versuchte mit Müh' und Not, dranzubleiben. Ein erfahrener Läufer gab ihm den Tipp, zu gehen, wenn's zu heftig wird. »Das war der Wendepunkt. Ich hab' mir gedacht, was muss ich mich quälen, das soll doch Spaß machen.«

»Damals hat man geschmiert und gesalbt wie verrückt«


Mit dem Umdenken kamen die Fortschritte. Nach nur fünf Monaten Lauferfahrung und einem bescheidenen Trainingsumfang von drei Mal neun Kilometer pro Woche überredete ihn ein Lauffreund, bei einem Marathon mitzumachen. In Kressbronn war das, er erinnert sich noch gut. Als das »Greenhorn« in die Umkleidekabine kam, erlitt es beinahe einen Schock. Schon vom Geruch, denn »damals hat man geschmiert und gesalbt wie verrückt«. Die Läufer verklebten sich Zehen und Brustwarzen. Und schluckten Salztabletten, was damals als hilfreich propagiert wurde. Aus heutiger Sicht völlig »irre«, so Kurtz: »Pro Tablette bräuchte man ja zwei Liter Flüssigkeit.« Nicht minder »irre«: In den Siebzigerjahren wurde den Läufern eingetrichtert, während des Wettkampfs nichts zu trinken. Es war sogar offiziell verboten, unterhalb der Marathondistanz Getränke anzubieten. Heutzutage weiß jeder Laufanfänger, dass er möglichst viel Flüssigkeit zu sich nehmen muss.

Gernot Kurtz saß also in der Kabine und bekam Angst. »Ich wäre am liebsten davongelaufen.« Stattdessen lief er los. Und schaffte tatsächlich seinen ersten Marathon, auch wenn er am Ende viel marschierte. Da war er schon fast infiziert. »Es war unglaublich«, erinnert er sich an den Zieleinlauf. Nur sieben Wochen später lief er in Bräunlingen den zweiten Marathon. Viel mehr trainiert hatte er nicht, schaffte die 42,195 Kilometer aber schon unter vier Stunden. »Ich war glücklich und zufrieden. Da ist in mir ein Feuerwerk der Freude abgegangen, trotz Schmerzen.« Damals habe er eh' gedacht, dass bei einer so langen Strecke das Leiden dazugehört.

Wenige Tage drauf trat Gernot Kurtz beim Karwendelmarsch an. 50 Kilometer, nicht marschiert, sondern durchgelaufen. Er steigerte sein Trainingspensum auf 60 bis 70 Kilometer pro Woche. Das zeigte Wirkung. Sechs Marathons machte er 1977, Leinfelden schaffte er schon in 3:10 Stunden. »Das Marathonfieber hat mich gepackt.« Wo etwas lief, erfuhr er durch Mund-zu-Mund-Propaganda von anderen Sportlern. »Es gab ja kein Internet, nichts.« Trainings- oder Ernährungspläne gab es genauso wenig. »Wir sind jeden Tag die gleiche Strecke in gleichem Tempo gelaufen. Heute schüttelt da jeder den Kopf.« Ausgemacht habe ihm das nie etwas. »Wir waren ja in der Gruppe und hatten uns immer was zu erzählen.« Unglaublich auch, was sich in seinen 40 Lauf-Jahren an Tipps zum Training und zur Ernährung geändert habe. »Ich hab' noch gar nie auf irgendetwas verzichtet oder irgendetwas genommen«, sagt Kurtz – auch mit Blick auf die ominösen Salztabletten oder andere vermeintliche Hilfsmittel.

»Wir waren ja in der Gruppe und hatten uns immer was zu erzählen«

Seine Bestmarke steigerte Gernot Kurt von Jahr zu Jahr. 1978 lief er schon in 2:52 Stunden durchs Ziel, wurde schnell und schneller und 1987 am schnellsten: Mit 2:39:07 schaffte er seinen persönlichen Marathon-Rekord. Allerdings waren fast nur so flotte Hirsche wie er auf der Strecke. »Damals war das nichts. Heute wäre ich mit diesen Zeiten bei vielen Läufen Sieger.« In Boston lief er beispielsweise mit 2:41 Stunden ins Ziel. Und wurde Tausendster von rund 7 000 Teilnehmern. Pro Jahr lief der Sonderschullehrer zwischen 10 und 20 Marathons, die meisten mit seiner nicht minder laufbegeisterten Frau Gudrun Müller. 2003, damals war er immerhin schon 58 Jahre, brachte er es sogar auf 21. Allein in Kandel machte er 33 Mal mit – bis heute Rekord. Schon in seinem zweiten Lauf-Jahr wagte er sich an einen Ultra-Lauf: die 100 Kilometer von Biel. Zehn Mal machte er mit, acht Mal lief er unter zehn Stunden. Seine Bestmarke lag bei 7:57 Stunden. Gehpausen waren da nicht drin. Sie wären aber auch nicht gut gewesen. »Stehen bleiben und wieder anlaufen – das ist tödlich.«

Boston, Berlin, London, Hamburg, Hawaii und natürlich New York – die Klassiker zu laufen war für Gernot Kurtz Ehrensache. Er war aber immer auch auf der Suche nach neuen oder ganz besonderen Läufen wie etwa dem Friedensmarathon in Ost-Berlin, bei dem er es 1988 als Westdeutscher quasi illegal an den Start schaffte.

Seine Laufleidenschaft lebte Gernot Kurtz als Mitbegründer der Reutlinger »Interessengemeinschaft Laufen« (IGL) in heimischen Gefilden aus. Und es zog ihn in die Ferne. Auf fünf Kontinenten und in 42 Ländern mischte er sich unters bunte Marathon-Volk. Der eindrucksvollste Lauf war der mit Gudrun Müller auf der Chinesischen Mauer. Nicht minder eindrucksvoll die Jahrtausendwende: Am 31. Dezember 1999 liefen die beiden den Marathon in Assisi, am 1. Januar 2000 den in Rom mit Start auf dem Petersplatz samt Ansprache des Papstes zu den Läufern. »Ein ganz besonderes Erlebnis«, so Kurtz. Eher schmerzlich die Erinnerung an den Pikes-Peak-Marathon in Colorado/USA, bei dem die Läufer 2 347 Höhenmeter bis zum Gipfel des Pikes Peak auf 4 300 Meter hochschnaufen und dann wieder runterlaufen müssen. »Das war der Hammer«, sagt Kurtz, der gar nicht wusste, was ihn da für eine Tortur erwartet.

»Da wird nicht gefragt, wie schnell man läuft, sondern ob man gefinisht hat«


Zu besonderen Anlässen gehört für Gernot Kurtz ein besonderes Laufevent. An seinem 50. Geburtstag lief er seinen 200. Marathon. Das war in Las Vegas. Seine Lauf- und Lebensgefährtin Gudrun Müller heiratete er an einem Freitag in New York. Sonntags gönnten sie sich den New-York-Marathon, kamen nach 3:46 Stunden Hand in Hand ins Ziel. Ob Marathon oder Ultra: Eine Herausforderung, sagt Gernot Kurtz, ist es immer. Aber kein Stress. »Nur Freude.« Durchhalten ist für ihn auch Kopfsache. »Ich will das ja und mache es freiwillig.«

Die Läufe verbindet das Ehepaar mit Sightseeing. Sie unterhalten sich mit den Leuten, sogar mit den Streckenposten. In der Laufszene sind sie bekannt und beliebt. Besonders gerne laufen die beiden in Frankreich. »Da wird nicht gefragt, wie schnell man läuft, sondern ob man gefinisht hat.« Das hat Gernot Kurtz immer. »Auch wenn ich Letzter bin – das ist mir egal, ich will ins Ziel kommen.«

Das ist das Erfolgserlebnis, das ihn immer und wieder an den Start hat gehen lassen – auch wenn das Durchhalten in jüngster Zeit eher ein Durchbeißen war. Wenn er über die Ziellinie läuft, sind die Schmerzen vergessen. »Es geschafft zu haben, ist ein unglaubliches Gefühl. Und gerade, wenn's mal nicht läuft, macht mich das wahnsinnig stolz.« Nach dem 400sten langen Lauf lässt es der 72-Jährige jetzt gut sein. Wettkämpfe über kürzere Distanzen wird er »natürlich« weiter machen. »Ich will nicht aufhören. Es macht mir immer noch Freude.« (GEA)